Demokratie, Kulturen und Religionen

Projektbeschreibung

1. Ausgangslage

Die Ereignisse des 11. September 2001 haben deutlich gemacht, daß der Dialog von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Religionen im Hinblick auf ein friedliches Miteinander in unserer Gesellschaft auf lange Sicht ein zentrales Anliegen politischer Bildung sein muß. Mehrere in der Gemeinsamen Initiative der bundeszentralen Träger politischer Jugendbildung (GEMINI) zusammengeschlossene bundesweit tätige Trägergruppen, die über langjährige Kompetenzen sowohl im Bereich interkulturellen wie interreligiösen Dialogs verfügen, planen deshalb die Durchführung eines gemeinsamen Projektes, das der Qualifizierung politischer Bildung in den genannten Bereichen gilt. Verantwortlich für das Projekt zeichnen zur Zeit die Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke ( AKSB), die Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung sowie der Bundesarbeitskreis ARBEIT UND LEBEN. Offen ist das Projekt auch für die übrigen in der GEMINI zusammengeschlossenen Träger.

Der wissenschaftliche und politische Diskurs der letzten Monate hat gezeigt, daß die bisherigen Konzepte interkulturellen und interreligiösen Lernens in der politischen Bildung der veränderten Situation angepaßt werden müssen. Zahlreiche politische Analysen gehen nämlich davon aus,

daß sich neue global relevante "Blöcke" gebildet haben und dies die Politik des 21. Jahrhunderts entscheidend prägen wird,
daß die Auseinandersetzung der Ideologien, die das 20. Jahrhundert bestimmt hat, von einem Gegenüber der Kulturen und Religionen abgelöst wird,
daß die westliche Prägung der bisherigen, weltweiten Strukturen internationaler Kooperation (UNO) mehr und mehr in Frage gestellt werden wird,
daß sich die globalen Widersprüche zwischen unterschiedlichen Kulturen und Religionen auch immer stärker auf das Zusammenleben von Menschen innerhalb der gleichen Gesellschaft auswirken werden.

Differenzen zwischen unterschiedlichen kulturellen und religiösen Prägungen ergeben sich vor allem aufgrund unterschiedlicher Wertorientierungen. Zu nennen sind hier z.B.

die Ablehnung der Demokratie westlicher Prägung durch weite Teile des Islam,
die einander entgegengesetzten Konzepte des "Gottesrechtes" und der "Menschenrechte",
die grundlegende Überzeugung z.B. des Islam, daß Religion und Politik unteilbar sind; damit ist ein fundamentaler Widerspruch zum Konzept der Säkularität der westlichen Demokratien verbunden,
ein unvereinbares Geschlechtsrollenverständnis,
unterschiedliche Begriffe des Diskurses, die sowohl die inhaltliche Auseinandersetzung in der Demokratie belasten wie auch jeden Meta-Diskurs über Voraussetzungen eines friedlichen Zusammenlebens,

ein unterschiedliches Verständnis von der Legitimität der Gewalt.

Darüber hinaus wurde deutlich, welche engen inhaltlichen Zusammenhänge zwischen den Fragen des interkulturellen Zusammenlebens von Menschen und dem der friedlichen Koexistenz von Staaten unterschiedlicher Wertorientierung bestehen.

2. Zielsetzung

Politische Bildung hat in der Vergangenheit tragfähige Konzepte zur Integration von Migranten, insbesondere aus osteuropäischen Ländern und zur interkulturellen Jugendarbeit erstellt und erprobt. Doch angesichts der aktuellen Analysen können diese Ansätze der gesamten Problemsituation nicht gerecht werden, da sie die vorhandenen Wertorientierungen nicht auf ihre unauflösbaren Widersprüche hin analysieren.

In trägerübergreifender Kooperation soll deshalb ein Ansatz erprobt werden, der

sich zunächst der Wertgrundlagen der demokratisch-freiheitlichen Ordnung vergewissert und
die unterschiedlichen kulturell und religiös begründeten Wertorientierungen vor dem Hintergrund politischer Schlüsselkategorien beschreibt und analysiert,
Gemeinsamkeiten herausarbeitet und unlösbare Widersprüche zwischen unterschiedlichen Wertorientierungen benennt,

nach Formen interkultureller und interreligiöser Dialoge forscht, durch die ohne Leugnung von grundsätzlichen Widersprüchen ein gemeinsamer Diskurs möglich wird.

Im Einzelnen soll dies geschehen durch

die theoretische Erarbeitung und Beschreibung des Themenfeldes durch Multiplikatoren der politischen Bildung im Dialog mit den Referenzwissenschaften,
die Evaluation bestehender Konzepte und die Erarbeitung neuer Ansätze interkulturellen und interreligiösen Lernens, die insbesondere die unterschiedlichen Wertorientierungen berücksichtigen,
die Erprobung, Auswertung und Ergebnissicherung der erarbeiteten neuen Konzepte mit allen Zielgruppen, insbesondere jedoch mit Haupt- und Berufsschülern sowie mit Gruppen mit erhöhtem Integrationsbedarf,
die Publikation sowohl der erarbeiteten theoretischen Grundlagen, der erprobten Konzepte und der eingesetzten Materialien,
die Implementierung der Arbeitsergebnisse in den Strukturen und Bildungsprojekten der beteiligten Trägergruppen.

Konstitutiv ist ein partizipativer Ansatz, der sich aus dem politischen Vorverständnis einer plural und demokratisch strukturierten Gesellschaft ergibt.

3. Thematische und inhaltliche Akzente

Für die Erarbeitung des Themenfelds werden Schlüsselkategorien des Politischen zu Grunde gelegt, um von dort aus in zwei Richtungen zu analysieren und zu fragen. Eine Fragerichtung bezieht sich dabei auf die politische und religiöse Tradition der westlichen Demokratien. Die andere Fragerichtung bezieht sich auf das islamische Selbstverständnis in der religiösen und damit verbunden auch politischen Dimension.

Ziel dieser Vorgehensweise ist es, so sehr detailliert erarbeiten zu können, wo ggf. gemeinsame Wurzeln und Traditionen liegen , gleich wohl aber auch benennen zu können, in welchen Breichen Widersprüche und unterschiedliche Wertorientierungen vorliegen. Das ermöglicht die Basis, um realistisch über Formen des Zusammenlebens in der Gesellschaft und die notwendige politische Auseinandersetzung zu diskutieren.

Die Schlüsselkategorien werden so ausgewählt, dass sie eine Betrachtung der jeweiligen politischen, religiösen und kulturellen in beide Richtungen ermöglichen. Damit werden die Kernelemente der jeweiligen "gesellschaftlichen Identität" in den Blick genommen.

Beispielhaft könnte dieser Ansatz etwa an den folgenden Begrifflichkeiten erprobt werden, die auch als Kategorien in der Politikwissenschaft gebräuchlich sind:

- Freiheit und Autonomie
- Pluralismus
- Menschenrechte
- Mehrheitsprinzip
- Volkssouveränität
- Nation
- Krieg
- Rechtsstaatlichkeit
- Gewaltenteilung
- Gleichheit der Bürger und Bürgerinnen etc.

Die Erarbeitung entsprechender Materialien für Multiplikatoren erfolgt gemeinsam von Experten und Expertinnen aus den Islamwissenschaften, der Politikwissenschaft und der Politischen Bildung. Dieser Prozess ist somit schon ein Teil des interkulturellen Lernens.

In einem ersten Schritt wird eine Auswahl der Kategorien gemeinsam vorgenommen; in einem zweiten Schritt werden die Kategorien den Dimensionen des Politikbegriffs – polity, policy und politics – zugeordnet und dann bearbeitet. Am Ende dieser Arbeitsphase wird eine didaktisch- und methodisch aufgearbeitet Materialsammlung stehen, die als Grundlagenpapier für die Multiplikatorenfortbildung trägerübergreifend eingesetzt werden kann.

Durch diese Vorgehensweise kann neben dem obengenannten Ziel ebenfalls erreicht werden, dass die in der Praxis tätigen Multiplikatoren die kulturellen, politischen und religiösen Traditionen der demokratisch-freiheitlichen Ordnung besser kennen lernen und eigenes Selbstverständnis klären können, bevor sie als Lehrende oder Moderatoren in interkulturellen Prozessen tätig werden. Dieser Selbstverständigungsprozess gilt dabei gleichsam auch für Multiplikatoren muslimischer Prägung .
Für die Politische Bildung ist der Zugang zu interkulturellen Lernprozessen über die Dimensionen des Politischen eine Professionsnotwendigkeit. Derartige Materialien liegen zudem bislang nicht vor.

4. Strukturen/Ablauf

Die Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke, die Evangelische Trägergruppe für gesellschaftspolitische Jugendbildung und der Bundesarbeitskreis ARBEIT UND LEBEN führen das gemeinsame Projekt "Demokratie, Kulturen und Religionen" durch.

Das Projektmanagement liegt bei der Steuerungsgruppe, der Vertreter/innen der das Projekt tragenden Trägergruppen angehören. Zu ihren Aufgaben gehört die Organisation des Gesamtprojekts einschließlich der Tagungen der Projektgruppe, die Entscheidung über die Aufnahme von Veranstaltungen einzelner Mitgliedseinrichtungen in das Projekt, die Publizierung der Projektergebnisse sowie die Kontrolle der ordnungsgemäßen Verwendung der Projektmittel.

Der Projektgruppe gehören haupt- und nebenamtliche Mitarbeiter/innen aus den Mitgliedseinrichtungen der in der GEMINI kooperierenden Trägerzusammenschlüsse an. Die Projektgruppe organisiert in Abstimmung mit der Steuerungsgruppe ihren Lern- und Arbeitsprozeß selbst.

Die Erbringung der für die Durchführung des Projektes erforderlichen administrativen Aufgaben liegt bei der Geschäftsstelle der Arbeitsgemeinschaft katholisch-sozialer Bildungswerke.

Vorgesehen ist eine Projektlaufzeit von 2 Jahren (von Juli 2002 bis September 2004). Das Projekt findet in drei sich teils überschneidenden Phasen statt:

1. Phase: Informationssicherung zum Themenfeld Wertorientierung in Kulturen und Religionen vor der Folie politischer Leitkategorien mit Multiplikatoren/innen der politischen Bildung und Vertretern/innen aus der Wissenschaft; Durchführung von Seminaren mit den bereits vorhandenen Konzepten und Ergebnissicherung (Juli 2002 – September 2003).
2. Phase: Vermittlung von Kenntnissen und Kompetenzen in der interkulturellen und interreligiösen Bildung; Sichtung und Evaluation von bereits vorhandenen Ansätzen und Entwicklung neuer Konzepte auf der Basis der erarbeiteten theoretischen Grundlagen; Erprobung in Seminaren der politischen Bildung (April 2003 – Dezember 2003).
3. Phase: Fortführung der Erprobung in Seminaren, Sammeln und Auswertung der Ergebnisse, Erstellung einer Publikation als Arbeitshilfe mit den theoretischen Grundlagen, Konzepten und Materialien (Januar 2004 – September 2004).

Wi 05.03.2002

 


entimon Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend
Gefördert im Rahmen des Aktionsprogramms
"Jugend für Toleranz und Demokratie - gegen Rechtsextremismus,
Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus"
 

© DeKuRel 2003

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